AUGENTROST
Euphrasia officinalis
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| Illustration nach Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz www.biolib.de, wikimedia commons, gemeinfrei |
Man muss sich tief zu ihm hinunterbeugen, um zu erkennen, wie hübsch diese unscheinbare Wiesenpflanze ist. Die weißen Blüten sind von feinen violetten Adern durchzogen, auf der Unterlippe sitzt ein auffälliger gelber Fleck. Mit etwas Fantasie erinnert die ganze Blüte tatsächlich an ein kleines Auge.
Und genau dieses „Auge“ hat die Geschichte der Pflanze
geprägt.
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| Foto: [c] Ute Mangold, Menzenschwand, Schwarzwald |
Ein kleiner Halbschmarotzer
Augentrost gehört botanisch zur Familie der Sommerwurzgewächse
(Orobanchaceae). In Europa kommen zahlreiche Euphrasia-Arten vor, die
teilweise nur schwer voneinander zu unterscheiden sind.
Besonders spannend ist ihre Lebensweise. Augentrost ist grün
und kann selbst Photosynthese betreiben, versorgt sich aber nicht vollständig
allein. Über spezielle Saugorgane an den Wurzeln, sogenannte Haustorien,
verbindet er sich mit den Wurzeln benachbarter Pflanzen und entzieht ihnen
Wasser und Mineralstoffe.
Er gehört damit zu den Halbschmarotzern oder Hemiparasiten.
Häufig dienen Gräser als Wirte.
Dass wir den Augentrost auf von Ziegen beweideten Weiden im
Schwarzwald fanden, passt zu seiner Anpassung an extensiv genutztes Grünland.
Manche Arten oder Ökotypen bleiben niedrig und können auch nach Mahd oder
Beweidung noch Blüten und Samen ausbilden.
Eine Pflanze der mageren Wiesen
Augentrost ist vor allem auf mageren Wiesen, Weiden und
Bergmatten zu finden. Stark gedüngtes Grünland bekommt ihm dagegen schlecht. Wo
wenige konkurrenzstarke Gräser dominieren, verschwinden viele kleinere
Wiesenpflanzen. Der Augentrost sorgt mit seinen Haustorien, die an die Gräser
andocken, selbst dafür, dass die Konkurrenz nicht zu groß wird.
Im Südschwarzwald waren die Wiesen im Tal von Menzenschwand
im Südschwarzwald bereits zum zweiten Mal gemäht. Wir wanderten den Geißenpfad
entlang. Am Hang weideten Ziegen. Das Gras stand kurz, zwischen den niedrigen
Gräsern leuchteten winzige weiß-violette Blüten hervor: Augentrost (Euphrasia
sp.).
Damit erzählt Augentrost nicht nur eine Geschichte der
Heilpflanzenkunde, sondern auch eine der traditionellen Kulturlandschaft.
Wenn die Blüte wie ein Auge aussieht
Die auffällige Blütenzeichnung hat dazu beigetragen, dass
Augentrost mit Augenkrankheiten in Verbindung gebracht wurde.
Das passte zur sogenannten Signaturenlehre. Nach
dieser historischen Vorstellung konnten äußere Merkmale einer Pflanze Hinweise
auf ihre Heilwirkung geben. Eine Blüte, die wie ein Auge aussieht? Daraus
schloss man seine Wirkung auf Augenleiden.
Allerdings sollte man mit der häufig erzählten Geschichte
vorsichtig sein: Die Signaturenlehre ist keine einheitliche Theorie, die seit
der Antike unverändert weitergegeben wurde. Besonders einflussreich wurde sie
in der frühen Neuzeit und wird häufig mit Paracelsus und späteren Autoren
verbunden.
Milchdieb und Wiesenwolf
Dass der Augentrost den Gräsern zusetzt, ist den Menschen
früherer Zeiten nicht entgangen. Sie haben ihm Namen gegeben, die so gar nicht
nach Trost klingen: Milchdieb und Wiesenwolf. Die Vorstellung dahinter: Wo er
sich an die Wurzeln der Gräser hängt, kümmern sie, und wo das Gras kümmert,
gibt das weidende Vieh weniger Milch.
Er hat noch mehr Namen: Augendank, Augustinuskraut,
Herbstblümle, Wegleuchte. Und Gewitterblüml oder Donnerkraut, denn wer
Augentrost in der Tasche trug, zog nach dem Volksglauben den Blitz an.
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| Augentrost, botanische Zeichnung. (c) Ute Mangold, KI untertstützt |
Tabernaemontanus und das Augenwasser
Als Augenmittel ist der Augentrost seit dem 13. Jahrhundert
belegt. Ein schönes Zeugnis stammt von Jacob Theodor Tabernaemontanus
(1522–1590), Arzt und Apotheker, aus seinem Kräuterbuch. Man solle das
Kräutlein sammeln, wenn es zu blühen anfängt, und ein Wasser daraus brennen,
also destillieren. Dieses Wasser sei vor allem für „dunkle und blöde“ Augen gut
(„blöd“ heißt hier schwach), um sie klar und lauter zu machen, und auch bei
hitzigen Augen. Er rät sogar, morgens und abends einen guten Schluck davon zu
trinken. Und es sollte gegen Leberverstopfung und Gelbsucht helfen.
„Wann diß
Kräutlein anfanget zu blühen / soll man es sammeln / und ein Wasser daraus
brennen. Diß Wasser wird fürnemlich gebrauchst zu den dunklen und blöden Augen
/ dieselbige klar und lauter zu machen: Desgleichen auch zu den hitzigen Augen
/ man soll aber jederzeit Morgens und Abends fürnemlich einen guten Schluck
darvon thun: Man kann auch die Wasser gebrauchen wider die Verstopfung der
Leber / auch zu der Gelbsucht …“
Tabernaemontanus lebte in der frühen Neuzeit, also genau in
der Zeit, in der die Signaturenlehre so einflussreich wurde.
Was steckt im Augentrost?
Die Liste ist schnell geschrieben: Iridoidglykoside wie
Aucubin und Catalpol, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Flavonoide und ein wenig
ätherisches Öl. Für ein Auge, das sich entzündet hat, ist das eine ziemlich
passende Ausstattung.
Die Iridoide sind für die Pflanze eigentlich ein Fraßschutz.
Sie liegen an einen Zucker gebunden vor, und erst wenn ein Fressfeind die
Zellen zerstört, wird der Wirkstoff frei. Für uns bedeutet das: Nach Dorstewitz
(Natürlich Medizin!, 01.10.2026) wirken sie antimikrobiell, nicht nur gegen
Bakterien, sondern auch gegen Viren und Pilze, dazu entzündungshemmend und
reizlindernd. Die Gerbstoffe ziehen zusammen und wirken damit ebenfalls entzündungshemmend.
Was die Studien sagen
Kaum eine Heilpflanze ist so eindeutig mit einem Organ
verbunden. Der Name sagt es ja schon. Und die Studienlage ist besser als ihr
Ruf.
Eine prospektive Kohortenstudie aus der Schweiz und
Deutschland prüfte Augentropfen mit Augentrost-Extrakt und Rosenöl bei
Bindehautentzündung (Stoss et al. 2000). Bei 53 von 65 Patienten waren die
Beschwerden nach ein bis zwei Wochen vollständig abgeklungen, unerwünschte
Wirkungen wurden nicht dokumentiert. Ärzte und Patienten bewerteten die
Wirksamkeit bei mehr als 85 Prozent als gut bis sehr gut. Eine Kontrollgruppe
gab es allerdings nicht.
Die Kommission E konnte den Augentrost 1992 wegen
unzureichender Dokumentation noch nicht empfehlen, und auch ESCOP empfiehlt ihn
nicht ausdrücklich. Die Allgemeinärztin Sigrun Chrubasik-Hausmann kommt 2018 in
der Zeitschrift für Komplementärmedizin zu einem anderen Fazit: Die in der
Volksmedizin und der Studie beobachtete Wirksamkeit bei Augenbeschwerden lasse
sich heute nicht mehr negieren. Weitere Untersuchungen sollten die vielversprechenden
Ergebnisse erhärten. Hartmut Dorstewitz hält weitere Studien in Natürlich
Medizin! (Oktober 2026) ebenfalls für sinnvoll, gerade weil die bisherigen
Hinweise so vielversprechend sind.
Ein Beleg im strengen Sinn ist das noch nicht. Aber mehr als
bloße Folklore ist es allemal.
Augentrosttee ins Auge? Besser nicht
Früher wurden aus Augentrost Aufgüsse hergestellt und damit
die Augen ausgewaschen oder Umschläge gemacht.
Davon ist heute abzuraten.
Ein selbst zubereiteter Kräutertee ist nicht steril.
Mikroorganismen oder kleine Pflanzenpartikel können ein bereits gereiztes Auge
zusätzlich belasten oder Infektionen verursachen.
Für Anwendungen am Auge sollten deshalb ausschließlich sterile,
dafür vorgesehene Fertigpräparate verwendet werden. Gegen sterile
Zubereitungen ist nichts einzuwenden, und sie sind auch bei Säuglingen und
Kleinkindern gut verträglich. Innerlich als Tee gibt es dagegen keine Bedenken.
Bei stärkeren Schmerzen, Sehstörungen, Lichtempfindlichkeit,
Verletzungen, eitrigem Sekret oder länger anhaltenden Beschwerden sollte
ohnehin ärztlicher Rat eingeholt werden.

Von Ziegen beweideter Hang mit Augentrost, Menzenschwand (c) Ute Mangold

Quellen
Dorstewitz H: Phytotherapie: Augentrost (Euphrasia
officinalis). Natürlich Medizin!, 01.10.2026. https://natuerlich.thieme.de/therapieverfahren/phytotherapie/detail/augentrost-euphrasia-officinalis-5361
Chrubasik-Hausmann S: Euphrasia officinalis L.:
antioxidativ, entzündungshemmend und antimikrobiell. Zeitschrift für
Komplementärmedizin 3/2018.
Stoss M, Michels C, Peter E et al: Prospective cohort trial
of Euphrasia single-dose eye drops in conjunctivitis. J Altern Complement Med
2000; 6: 499–508.
Tabernaemontanus, Jacob, Theodor: Kräuterbuch. Neuw
Kreuterbuch. Frankfurt am Main: Nicolaus Basse, 1588 - 1591



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