JOHANNISKRAUT - Bringt wieder Licht ins Dunkel

 HYPERICUM PERFORATUM

Johanniskraut, Historische Zeichnung von Lindman
HYPERICUM PERFORATUM – Carl Axel Magnus Lindman, aus Bilder Ihrer Nordens Flora (1901–1905), allgemein

„Sankt Johannskraut … von etlichen auch Fuga daemonum genannt, darum, dass man meint, wo solches Kraut behalten wird, da komme der Teufel nicht hin, möge auch kein Gespenst bleiben …“
BRUNFELS (1532)

Solche alten Weisheiten können leicht als Aberglauben abgetan werden, doch sie haben einen echten Kern: Wenn man die Vertreibung von Gespenstern mit der Vertreibung von Depressionen gleichsetzt. So steckt manchmal in den alten medizinischen Kräuterbüchern durchaus ein wahrer Kern. Das Johanniskraut gehört zu den besten wissenschaftlich erforschten Kräutern als Mittel gegen Depressionen. Wegen der gut belegten Wirkung sind Johanniskrautpräparate unter bestimmten Voraussetzungen auch durch die Krankenkassen erstattungsfähig.

Das zum Sonnenhöchststand im Sommer geerntete Kraut hilft im Winter gegen die Dunkelheit, auch „Winterdepression“ genannt. Es heißt, “es bringe Sonnenkräfte in die Organe und regeneriere”. Am besten nimmt man Johanniskraut schon vorbeugend, bevor die dunklen, trüben Hochnebeltage wieder beginnen. Die Wirkung setzt nach 4–8 Wochen ein.

„Seit November 2009 wird Johanniskraut offiziell in der deutschen Leitlinie für Depressionen geführt. Es wird bei leichten und mittelschweren Depressionen nachweislich genauso gut wie herkömmliche Antidepressiva, aber mit deutlich geringerem Nebenwirkungspotenzial“, schreibt Ursel Bühring im Lehrbuch der Phytotherapie, 5. Auflage 2021, Haug Verlag.

Johanniskraut in Blüte. Bildquelle Alpmed, Zweisimmen, Schweiz
Johanniskraut, Bildquelle: ALPMED, Zweisimmen, CH

Das Johanniskraut in Mythologie und Kulturgeschichte

Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum), auch Tüpfelhartheu oder Hartenau genannt, war in vielen europäischen Kulturen eng mit dem Jahreslauf verbunden, insbesondere mit der Zeit um die Sommersonnenwende. Die Blütezeit des Johanniskrauts fällt in die zweite Junihälfte und kulminiert um den Johannistag (24. Juni). Diese zeitliche Nähe zum längsten Tag des Jahres trug wesentlich zu seiner symbolischen Deutung als „Lichtpflanze“ bei.

In der Volksüberlieferung galt Johanniskraut als Schutzpflanze. Ihm wurde eine apotropäische, also Unheil abwehrende Wirkung zugeschrieben. Die durchscheinenden Punkte in den Blättern, botanisch als Sekretbehälter für ätherische Öle und Harze erklärbar, wurden in vormoderner Zeit bildhaft gedeutet. Sie gaben Anlass zu Legenden, in denen die Pflanze als „durchlöchert“ beschrieben und mit dämonologischen Vorstellungen verknüpft wurde. Solche Deutungen sind Ausdruck eines symbolischen Naturverständnisses, in dem sichtbare Pflanzenmerkmale mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht wurden.

Archäobotanische und ethnobotanische Quellen deuten darauf hin, dass Johanniskraut bereits in vorchristlicher Zeit in rituelle Handlungen eingebunden war. Für keltische und germanische Kulturen wird seine Verwendung im Zusammenhang mit Sonnenwendfeuern beschrieben, wobei es vermutlich als Schutz- und Segenspflanze galt. Die Verbrennung von Pflanzenmaterial, darunter auch Johanniskraut, diente dabei weniger medizinischen als rituell-symbolischen Zwecken.

Im Mittelalter fand Johanniskraut Eingang in die Kloster- und Volksmedizin. Es wurde sowohl äußerlich als auch innerlich angewendet und galt zugleich als Schutzmittel gegen Unheil, Blitzschlag und Krankheit. Solche Vorstellungen spiegeln das damalige Weltbild wider, in dem Naturbeobachtung, medizinische Erfahrung und religiöse Deutung eng miteinander verwoben waren.

Bereits der antike Autor Dioskurides erwähnte unter dem Namen Hyperikon Pflanzen, die in der späteren Überlieferung mit dem Johanniskraut in Verbindung gebracht wurden. Eine eindeutige botanische Zuordnung im heutigen Sinn ist jedoch nicht möglich. Die sichere, nachvollziehbare Geschichte des Johanniskrauts beginnt erst im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, als es in den europäischen Kräuterbüchern erstmals klar beschrieben und abgebildet wurde. Zu den frühesten verlässlichen Quellen zählt Otto Brunfels, dessen Werk Herbarum vivae eicones (1532) das Johanniskraut eindeutig erfasst und damit einen wichtigen Schritt von der symbolischen zur beobachtenden Pflanzenkunde markiert.

Auch Paracelsus griff im 16. Jahrhundert auf das Johanniskraut zurück und ordnete es in sein naturphilosophisches und medizinisches System ein. Seine Schriften stehen exemplarisch für eine Übergangszeit, in der traditionelle Symbolik, Erfahrungsmedizin und naturkundliche Beobachtung noch eng miteinander verbunden waren. Die Nutzung des Johanniskrauts zum Verräuchern bei Gewitter oder innerer Unruhe ist aus heutiger Sicht als Teil eines rituell-symbolischen Umgangs mit Naturphänomenen zu verstehen und nicht als gezielte medizinische Intervention im modernen Sinn.

Insgesamt zeigt die kulturgeschichtliche Betrachtung des Johanniskrauts, wie eng botanische Merkmale, jahreszeitliche Rhythmen und menschliche Deutungsmuster miteinander verknüpft waren. Die mythologischen Zuschreibungen markieren damit keinen Gegensatz zur späteren medizinischen Nutzung, sondern bilden den historischen Hintergrund, aus dem sich die Anwendung der Pflanze in der Heilkunde entwickelt hat.

Botanik & Vorkommen des Johanniskraut

Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum), auch Echtes Johanniskraut, Gewöhnliches Johanniskraut, Durchlöchertes Johanniskraut, Tüpfel-Johanniskraut oder Tüpfel-Hartheu genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Johanniskräuter (Hypericum) innerhalb der Familie der Hypericaceae (früher Hartheugewächse). Zu finden ist diese ölreiche Pflanze an Wegrändern, Dämmen, mageren Weiden, Heiden und brachliegenden Feldern, in lichten Wäldern und Gebüschen. Am liebsten natürlich in voller Sonne. Diese benötigt sie auch für ihr üppiges Wachstum. All dies macht sie zu einer der schönsten Pflanzen des Hochsommers.

„Das Johanniskraut, auch Sankt Johannskraut genannt, gehört sicherlich auf die Lichtseite des Erdenlebens. Das Johanniskraut erkennt man an den goldgelben Blüten, die mit den feuerroten Staubgefäßen wie eine Krone aussehen. Zerreibt man die goldgelben Blüten zwischen den Fingern, verfärben sie sich blutrot. Die Blüte verkündet die Johannizeit, den Höchststand des Jahres rund um die Sommersonnenwende am 24. Juni, auch Johannistag genannt. Die volle Kraft der Sommersonne lebt also in ihm, dem Johanniskraut. Die Öldrüsen der Blätter sind im Gegenlicht als tausend kleine Punkte sichtbar, die wie Löchlein aussehen – deshalb auch der Beiname „perforatum“.“ (Quelle: Alpmed Ratgeber)

Verwendung

Man verwendet meist das ganze Kraut für Tee. Aber auch Johanniskrautöl (ein mit Öl aus frischen Pflanzenteilen gewonnener Extrakt) wird gerne verwendet. Das Öl hilft bei Wunden und Verbrennungen, der Tee gilt als Heilmittel bei depressiven Zuständen. Es gibt mittlerweile auch Kapseln, Dragees, Tropfen und Saft. Mehr dazu siehe Abschnitt „Phytotherapie“.

In der Heilkunde werden die oberirdischen Teile des Johanniskrauts verwendet, die zur Hochblütezeit im Juni gesammelt werden. In ihrem Öl ist damit die Sonnenenergie zum Sonnenhöchststand eingefangen. Das Johanniskrautöl gilt als nicht reizendes, „kaltes Öl“. Man gewinnt es, indem man Johanniskrautblüten zwei Monate lang in kaltgepresstes Oliven- oder Sonnenblumenöl einlegt, gelegentlich kräftig schüttelt und in der Sonne stehen lässt. Diesen Vorgang nennt man Mazeration.

Herstellung von Johanniskrautöl bei Alpmed in Zweisimmen, Schweiz
Bildquelle: Alpmed, Herstellung von Johanniskrautöl

Wirkstoffe

Zu den Inhaltsstoffen gehören HypericineFlavonoide (z.B. HyperosidRutosid), Gerbstoffe und ätherisches Öl. Zu den Hauptwirkstoffen gehören Hyperforin und Hypericin. Letzteres kann eine Nebenwirkung haben: Es macht die Haut lichtsensibler, sodass bei starker Sonneneinwirkung Sonnenbrand und Hautblasen entstehen können (phototoxisch*). Obwohl das Johanniskraut zu den best erforschten Heilpflanzen gehört, ist der genaue Wirkmechanismus bis heute nicht vollständig geklärt. Als sicher gilt, dass Hyperforin und Hypericin zu den nervenberuhigenden Stoffen gehören. Doch wie bei allen großen Heilpflanzen gilt: Die Kombination macht’s! Das heißt, nicht ein einzelner Wirkstoff wirkt, sondern die gesamte Wirkstoffkombination.
 

Typisch ist die leuchtend gelbe Blütenfarbe, die schon im Mittelalter als Hinweis für die stimmungsaufhellenden Eigenschaften des Johanniskrauts galt. Der bekannte Seelentröster kann uns dabei unterstützen, wieder an unsere innere Kraft heranzukommen. Seine Wirkungen sind in Studien, z. B. bei Depressionen, gut belegt. In den auf den Blättern erkennbaren kleinen Tupfen steckt der Farbstoff Hypericin – als Rotöl eines der ältesten Heilmittel in der Naturapotheke. Man kann es beispielsweise auch als Massageöl verwenden. Wenn wir uns nach dem nächsten Frühling sehnen, kann auch ein Johanniskraut-Tee gut unterstützen und ein wenig Sonne in unsere Herzen zaubern. Phytotherapeutika mit Johanniskraut-Extrakt gegen leichte depressive Verstimmungen sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. (Quelle: Natur & Heilen, Wissensschatz)

Wirkeigenschaften

Die große Bedeutung des Johanniskrauts spiegelt auch die hohe Anzahl an wissenschaftlich anerkannten Anwendungen wider. Es gilt als psychotrope Heilpflanze, da es nachweislich bei psycho-vegetativen Störungen, depressiven Verstimmungen, Angstzuständen und nervöser Unruhe hilft. Die gesamte Wirkstoffkombination vermindert den Anstieg von Cortisol bei Stress und beeinflusst die Melatonin-Ausschüttung. Als Öl soll es außerdem der Faltenbildung entgegenwirken und damit zu jugendlich frischem Aussehen verhelfen. Das rote Johanniskrautöl besitzt eine entzündungshemmende Wirkung.

Johanniskraut in der Phytotherapie

Arzneipflanze:             Johanniskraut
Botanischer Name: Hypericum perforatum L.
Arzneidroge: Hyperici herba (getrocknete oberirdische Teile zur Blütezeit)

Zubereitungen:
– Trockenextrakte (standardisiert)
– Flüssigextrakte / Tinkturen
– Tee (untergeordnet, unterstützend)
– Ölauszug (äußerlich)

Wesentliche Inhaltsstoffe:
Hyperforin, Hypericine, Flavonoide, Gerbstoffe

Anwendungsgebiete (innerlich):
– leichte bis mittelschwere depressive Episoden
– depressive Verstimmungszustände
– nervöse Unruhe
– psychovegetative Störungen
– Erschöpfungszustände

Wirkung:
stimmungsaufhellend, angstlösend, ausgleichend, vegetativ stabilisierend

Wirkeintritt:
verzögert, meist nach 2–4 Wochen, volle Wirkung nach 4–8 Wochen

Anwendungsdauer:
mehrere Wochen bis Monate, abhängig vom Präparat und Beschwerdebild

Hinweise:
– Verwendung vorzugsweise als standardisiertes Arzneimittel
– Beachtung möglicher Wechselwirkungen (Enzyminduktion)
– keine Selbstmedikation bei schweren Depressionen
– Rücksprache mit Ärzt:in oder Apotheke empfohlen

Johanniskraut wird heute vor allem bei leichter bis mittelschwerer Depression empfohlen und kann ärztlich als erster Behandlungsversuch eingesetzt werden. Für schwere depressive Erkrankungen ist eine fachärztliche Abklärung zwingend erforderlich; eine Selbstmedikation ist hier nicht angezeigt. In der Phytotherapie kommen hochdosierte, standardisierte Johanniskraut-Arzneimittel zum Einsatz, deren Wirksamkeit gut belegt ist. Unter bestimmten Voraussetzungen können solche Präparate in Deutschland auch verordnungsfähig sein – die Details hängen von Indikation, Dosierung und dem jeweiligen Arzneimittel ab. (NVL Unipolare Depression)

Erfahrungsgemäß eignen sich Johanniskrautpräparate auch besonders bei Erschöpfungsdepressionen und somatoformen Störungen. Bei hohen Dosierungen kann es gelegentlich zu Hautreaktionen kommen; eine Fotosensibilisierung tritt nur selten auf. Insgesamt gilt Johanniskraut als gut verträglich. Wichtig ist jedoch die Beachtung möglicher Wechselwirkungen, insbesondere mit Immunsuppressiva und anderen Medikamenten. Eine Rücksprache mit Ärztin, Arzt oder Apotheker:in ist daher in jedem Fall sinnvoll.

Zum Räuchern

Es entwickelt sich ein süßer und sehr sonniger Duft.
Johanniskraut kann allein oder zusammen mit Harzen und anderem Räucherwerk verwendet werden. Ihm wird eine beruhigende, ausgleichende, aufheiternde und stimmungshebende Wirkung zugeschrieben. Spannungsmindernd – emotional wie nach einem Streit. Hilfreich bei Trauerbewältigung, Liebeskummer und Angst vor Dunkelheit.

Literatur & Quellen

Achmüller, Arnold (2018):
Alpenmedizin. Edition Raetia, Bozen.

Alpmed Ratgeber (o. J.):
Frischpflanzenkraft und Gold.

Brunfels, Otto (1532):
Herbarum vivae eicones. Straßburg.

Bühring, Ursel (2021):
Lehrbuch der Phytotherapie. 5. Auflage, Haug Verlag, Stuttgart.

Dioskurides, Pedanios (1. Jh. n. Chr.):
De materia medica. (Er beschreibt Hyperikon, nicht eindeutig zuortbar)

ESCOP – European Scientific Cooperative on Phytotherapy (o. J.):
ESCOP Monographs: Hypericum perforatum. Stuttgart.

European Medicines Agency (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) (2016): Hypericum perforatum L., herba – Assessment Report. London.

Huber, Roman (2009):
Mind-Maps Phytotherapie. Hippokrates Verlag, Stuttgart.

Küstner, Werner; Seybold, Siegmund; Sebald, Oskar (1990):
Heilpflanzen. Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde Serie C- Nr. 29

Linde, Klaus et al. (2008):
St John’s wort for major depression. Cochrane Database of Systematic Reviews.

Mayer, Johannes Gottfried; Uehleke, Bernhard; Saum, Kilian (2002):
Handbuch der Kloster-Heilkunde. Zabert Sandmann Verlag, München.

Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression (aktuelle Fassung):
AWMF, Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung.

Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim) (16. Jh.):
Schriften zur Arzneikunde und Naturphilosophie.

Schönberger, Ingrid; Schönberger, Peter (2014):
Kosmos Heilpflanzenführer. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart.

Wikipedia (laufend aktualisiert):
Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum).
(Überblicksquelle, nicht primäre Fachliteratur.)

Wichtl, Max; Bauer, Rudolf (2016):
Teedrogen und Phytopharmaka. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart.

Beitragsbild:
Hypericum perforatum – Otto Wilhelm Thomé, Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz (1885), gemeinfrei.
Quelle: Wikimedia Commons
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hypericum_perforatum_i01.jpg

Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim), Porträt, zugeschrieben Quentin Massys, 16. Jahrhundert, gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paracelsus.jpg

Porträt eines Gelehrten (traditionell Otto Brunfels zugeschrieben), Werkstatt Lucas Cranach d. Ä., 16. Jahrhundert, gemeinfrei. Quelle: Cranach Digital Archive
https://lucascranach.org/en/DE_SWK_6547/

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